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Heinz von Foerster
Ethik und Kybernetik zweiter Ordnung
Vortrag, gehalten auf dem Internationalen Kongreß
Systeme et therapie familiale in Paris am 4. Oktober 1990
aus dem amerikanischen
übersetzt von Birger Olrogge
Meine Damen und Herren,
die Großzügigkeit der Organisatoren dieser Konferenz hat mich zutiefst
bewegt, zumal sie mich nicht nur eingeladen haben, ihre herrliche
Stadt Paris zu besuchen, sondern mir auch die Ehre erwiesen, die Plenumssitzung
mit meinem Beitrag zu eröffnen.
Darüber hinaus hat mich die Genialität unserer Organisatoren mit dem
Themenvorschlag für meinen Beitrag beeindruckt. Sie baten mich, einen
Vortrag über "Ethik und Kybernetik zweiter Ordnung" zu halten.
Um ehrlich zu sein, hätte ich nie gewagt, ein derartig problematisches
Thema vorzuschlagen, aber dennoch muß ich gestehen, daß es mich erfreut,
daß sie gerade mich für dieses Thema ausgewählt haben.
Vor meiner Abreise von Kaldonien nach Paris fragte man mich mit neidischem
Unterton: "Was wirst Du in Paris machen? Worüber wirst Du reden?"
Als ich antwortete, "Ich werde über Ethik und Kybernetik zweiter
Ordnung sprechen", schauten mich fast alte völlig verwirrt an
und fragten: "Was ist Kybernetik zweiter Ordnung?". Als
ob es keine Fragen über Ethik gäbe.
Ich fühle mich erleichtert, wenn man mich über die Kybernetik zweiter
Ordnung und nicht über Ethik befragt, zumal es weitaus leichter ist,
über Kybernetik zweiter Ordnung als über Ethik zu sprechen. Es ist
in der Tat unmöglich, über Ethik zu sprechen. Darauf möchte ich jedoch
nachher etwas detaillierter eingehen. vorerst möchte ich ein oder
zwei Dinge über Kybernetik sagen, und zwar über die Kybernetik der
Kybernetik oder die Kybernetik zweiter Ordnung.
Wie allgemeinen bekannt ist, spricht man von Kybernetik, wenn Effektoren.
wie z.B. ein Motor. eine Maschine, unsere Muskeln usw. mit einem sensorischen
Organ verbunden sind, das mit seinen Signalen auf die Effektoren zurückwirkt.
Es ist diese zirkuläre Organisation, die die kybernetischen Systeme
von anders organisierten Systemen unterscheidet. Erst Norbert Wiener
hat den Begriff "Kybernetik" in den wissenschaftlichen Diskurs
wieder eingeführt. Er stellte fest: "Das Verhalten derartiger
Systeme könnte als eine Anweisung zur Erreichung eines Ziels interpretiert
werden.
Man könnte annehmen, diese Systeme verfolgen einen Zweck. Das hört
sich in der Tat recht bizarr an.
Lassen Sie mich Ihnen aber noch andere Paraphrasen zum Begriff der
Kybernetik geben, indem ich das Gedankengut der Frauen und Männer
zitiere, die man rechtmäßig als die Mütter und Väter kybernetischen
Denkens
und Handelns bezeichnet
Zuerst möchte ich mich auf Margaret Mead, deren Name Ihnen gewiß geläufig
ist, berufen, In einem ihrer Vorträge für die American Society of
Cybernetics sagte sie:
"Als Anthropologin haben mich die Auswirkungen der Theorien der
Kybernetik auf unsere Gesellschaft interessiert. Ich beziehe mich
dabei nicht auf Computer oder die elektronische Revolution als solche
oder das Ende der Abhängigkeit des Wissens von der Schrift oder darauf,
wie unter den rebellierenden Jugendlichen Kleidung an die Stelle der
mimeographischen Maschine als eine Form der Kommunikation getreten
ist." Lassen Sie mich das wiederholen. "Ich beziehe mich
nicht darauf, wie unter den rebellierenden Jugendlichen Kleidung an
die Stelle der mimeographischen Maschine als eine Form der Kommunikation
getreten ist." Und sie fährt fort: "Insbesondere möchte
ich auf die Bedeutung der interdisziplinären Begriffe hinweisen, die
wir anfangs als 'feed-back', dann als 'teleologische Mechanismen'
und dann als 'Kybernetik' bezeichnet haben - eine Form interdisziplinären
Denkens, die es den Mitgliedern vieler Disziplinen ermöglicht hat,
miteinander in einer Sprache zu kommunizieren, die alle verstehen
konnten."
Und nun möchte ich ihren dritten Ehemann, den Epistemologen, Anthropologen,
Kybernetiker und, wie manche sagen, den Vater der Familientherapie,
Gregory Bateson, zu Wort kommen lassen:
"Kybernetik ist ein Zweig der Mathematik, der sich mit den Problemen
der Kontrolle, der Rekursivität und der Information beschäftigt."
Und nun den Philosophen des Organisatorischen und Hexenmeister des
Managements Stafford Beer:
"Kybernetik ist die Wissenschaft von der effektiven Organisation!"
Und schließlich die poetische Reflexion des "Mister Kybernetik",
wie wir ihn liebevoll nennen, den Kybernetiker der Kybernetiker, Gordon
Pask:
"Kybernetik ist die Wissenschaft von vertretbaren Metaphern."
Es scheint, daß Kybernetik für die unterschiedlichsten Leute etwas
ganz verschiedenes bedeutet, was jedoch durch den Reichtum ihrer begrifflichen
Grundlagen bedingt ist. Und das ist gut so, da die Kybernetik ansonsten
zu einem stumpfsinnigen Exerzitium würde. Dennoch ergeben sich all
diese Perspektiven aus einem zentralen Thema, und zwar dem der Zirkularität.
Als man vor ungefähr einem halben Jahrhundert die Produktivität dieses
Konzepts erkannte, brach eine Euphorie des Philosophierens, Epistemologisierens
und Theoretisierens aus über die Konsequenzen dieses Konzepts, ihre
Verästelung in den unterschiedlichsten Gebieten und ihre vereinheitlichende
Macht.
Währenddessen entwickelte sich bei den Philosophen, den Epistemologen
und den Theoretikern etwas Merkwürdiges: immer stärker sahen sie sich
in eine größer werdende Zirkularität eingeschlossen, ob in der Zirkularität
ihrer Familie, der ihrer Gesellschaft und Kultur oder sogar in eine
Zirkularität kosmischen Ausmaßes.
Eine Betrachtungsweise und ein Denken, das für uns heutzutage völlig
natürlich ist, war seinerzeit nicht nur schwer zu vermitteln. Es verstieß
auch gegen die Grenzen des Erlaubten.
Warum?
Weil es gegen die grundsätzlichen Prinzipien des wissenchaftlichen
Diskurses verstieß, der die Trennung von Beobachter und Beobachtetem
gebietet. Das ist das Prinzip der Objektivität: Die Eigenschaften
des Beobachters dürfen nicht in die Beschreibung des Beobachteten
eingehen.
Ich habe dieses Prinzip hier in seiner brutalsten Form wiedergegeben,
um seine Unsinnigkeit zu demonstrieren: wenn die Eigenschaften des
Beobachters, nämlich die Eigenschaften des Beobachtens und Beschreibens,
ausgeschlossen werden, bleibt nichts mehr übrig, weder die Beobachtung
noch die Beschreibung.
Dennoch gab es eine Berechtigung, an diesem Prinzip festzuhalten,
und zwar aus Angst, aus Angst vor dem Entstehen von Paradoxen, wenn
es den Beobachtern gestattet wäre, in das Universum ihrer Beobachtungen
einzutreten. Und die Gefahren der Paradoxe sind Ihnen bekannt: wenn
sie sich in eine Theorie einschleichen ist es so, als ob der Teufel
seinen Spaltfuß in den Türspalt zur Orthodoxie steckt.
Sicherlich, als die Kybernetiker daran dachten, in die Zirkularität
von Beobachten und Konversieren einzusteigen, begaben sie sich auf
verbotenes Terrain.
Im allgemeinen Fall des zirkulären Schlusses bedeutet A impliziert
B; B impliziert C; und - zum allgemeinen Entsetzen - C impliziert
A!
Oder, im reflexiven Fall: A impliziert B; und - Oh, Grauen! - B impliziert
A!
Und nun des Teufels Spaltfuß in seiner reinsten Form, in der Form
der Selbst-Referenz: A impliziert A! - ein Greuel!
Ich möchte Sie nun bitten, mir in ein Land zu folgen, in dem es nicht
verboten ist, sondern in dem man ermutigt wird, über sich selbst zu
sprechen (was könnte man auch sonst tun?).
Dieser Wechsel von der Beobachtung dessen, was außerhalb liegt, zur
Beobachtung des Beobachtens vollzog sich, soweit ich weiß, im Zuge
bedeutender Fortschritte auf dem Gebiet der Neurophysiologie und Neuropsychiatrie.
Es war einem nun möglich, die Frage nach dem Funktioniern des Gehirns
zu wagen; man konnte das Wagnis eingehen, eine Theorie des Gehirns
zu erarbeiten.
Man könnte einwenden, daß die Physiker und Philosophen seit Aristoteles
nun schon jahrhundertelang an Theorien über das Gehirn herumlaborieren.
Was sollte also an den Bemühungen heutiger Kybernetiker neu sein?
Neu an all dem ist die tiefgründige Einsicht, daß es eines Gehirns
bedarf, um eine Theorie über das Gehirn zu schreiben. Daraus folgt,
daß eine Theorie über das Gehirn, die Anspruch auf Vollständigkeit
erhebt, dem Schreiben dieser Theorie gerecht werden muß. Und, was
noch faszinierender ist, der Schreiber dieser Theorie muß über
sich selbst Rechenschaft ablegen. Auf das Gebiet der Kybernetik übertragen,
heißt das: indem der Kybernetiker sein eigenes Terrain betritt, muß
er seinen eigenen Aktivitäten gerecht werden: die Kybernetik wird
zur Kybernetik der Kybernetik, oder zur Kybernetik zweiter Ordnung.
Meine Damen und Herren,
diese Erkenntnis beinhaltet nicht nur eine grundlegende Änderung auf
dem Gebiet wissenschaftlichen Arbeitens, sondern auch, wie wir das
Lehren, das Lernen, den therapeutischen Prozeß, das organisatorische
Management usw. wahrnehmen; und - wie ich meine - wie wir Beziehungen
in unserem täglichen Leben wahrnehmen.
Diese grundlegende epistemologische Wendung läßt sich dadurch verdeutlichen,
daß man sich einerseits als unabhängigen Beobachter sieht, der die
an ihm vorüberziehende Welt betrachtet; oder daß man sich andrerseits
als einen beteiligten Akteur betrachtet, der selber eine Rolle in
dem Drama zwischenmenschlicher Beziehungen, dem Drama des Gebens und
Nehmens, in der Zirkularität menschlicher Beziehungen spielt.
Im ersten Fall kann ich, aufgrund meiner Unabhängigkeit, den anderen
sagen, wie sie zu denken und handeln hätten: "Du sollst ... ",
"Du sollst nicht ... " Dies ist der Ursprung moralischer
Prinzipien.
Im zweiten Fall kann ich, aufgrund gegenseitiger Abhängigkeit, nur
für mich allein bestimmen, wie ich zu denken und handeln habe: "Ich
soll ... ", "Ich soll nicht ... " Dies ist der Ursprung
der Ethik.
Bisher war das der leichte Teil meines Vortrags, nun komme ich zum
schwierigen Teil: ich sollte über Ethik reflektieren.
Wie wäre das zu machen?
Wo sollte man beginnen?
Auf meiner Suche nach einem Anfang stieß ich auf ein hübsches Gedicht
von Yveline Rey und Bernard Prieur, das die erste Seite unseres Programms
schmückt. Ich möchte Ihnen die ersten Zeilen dieses Gedichts vorlesen:
"- Vous avez dit Ethique? -
Deja le murmur s'amplifie en rumeur.
Soudain les roses ne montrent plus des epines.
Sans doute le sujet est-il brulant.
Il est aussi d'actualite."
Lassen Sie mich mit dem Wort "epines", mit den "Dornen"
beginnen, in der Hoffnung, daß daraus eine Rose erblüht.
Die Dornen, mit denen ich beginnen werde, sind Ludwig Wittgensteins
Reflexionen über Ethik in seinem Tractatus logico-philosophicus.
Wenn ich für diesen Tractatus einen Titel erfinden sollte, würde ich
ihn Tractatus ethico-philosophicus nennen. Ich möchte jedoch nicht
darauf eingehen, warum ich diesen Titel bevorzuge. Vielmehr möchte
ich darüber sprechen, was mich dazu veranlaßt, mich auf Wittgensteins
Reflexionen zu beziehen, um meine eigenen Gedanken vorzutragen.
Ich beziehe mich auf den Satz Nr. 6 seines Tractatus, in dem er auf
die allgemeine Form von Sätzen eingeht.
Beinahe am Ende dieser Auseinandersetzung geht er auf das Problem
von Werten in dieser Welt und ihren Ausdruck in Form von Sätzen ein.
In seinem berühmten Satz 21 kommt er zu der Schlußfolgerung, die ich
Ihnen nun im Original vorlesen möchte:
"Es ist klar, daß sich Ethik nicht aussprechen läßt."
Nun werden Sie verstehen, warum ich eingangs sagte: "Mein Anfang
besteht aus Domen." Wir befinden uns auf einem Internationalen
Kongreß über Ethik, und der erste Vortragende behauptet, daß es unmöglich
sei, über Ethik zu sprechen. Haben Sie aber bitte einen Augenblick
Geduld. Ich habe Wittgensteins Proposition außerhalb des Kontextes
zitiert, also weiß man nicht, was er eigentlich sagen wollte. Glücklicherweise
liefert der folgende Satz 6.422, den ich gleich zitieren möchte, den
allgemeineren Kontext für den Satz 6.421. Um Sie auf die anschließende
Proposition vorzubereiten, sollten Sie sich daran erinnern, daß Wittgenstein
Wiener war. Ebenso wie ich. Und ich glaube, daß Sie als Pariser uns
Wienern eine Art unterterschwelliges Verständnis entgegenbringen.
Lassen Sie es mich versuchen:
"Der erste Gedanke bei der Aufstellung eines ethischen Gesetzes
von der Form 'Du sollst...' ist: Und was dann, wenn ich es nicht tue?"
Als ich dies las, war mein erster Gedanke, daß nicht jeder mit diesem
"ersten Gedanken" von Wittgenstein einverstanden sein wird.
Ich glaube, daß hier sein kultureller Hintergrund zu Wort kommt.
Ich möchte jedoch mit Wittgenstein fortfahren:
"Es ist aber klar, daß die Ethik nichts mit Strafe und Lohn im
gewöhnlichen Sinne zu tun hat... Es muß zwar eine Art von ethischem
Lohn und ethischer Strafe geben, aber diese müssen in der Handlung
selbst liegen."
"... aber diese müssen in der Handlung selbst liegen"!
Vielleicht erinnern Sie sich an unseren eingangs erwähnten selbstreferentiellen
Ausdruck wie z.B. "A impliziert K und dessen rekursive Beziehung
zur Kybernetik zweiter Ordnung.
Enthalten diese Bemerkungen einen Hinweis darauf, wie über Ethik zu
reflektieren und gleichzeitig an den Wittgensteinschen Kriterien festzuhalten
sei? Ich glaube schon. Ich versuche z.B. stets folgende Regel einzuhalten:
"In jedem meiner Gespräche über, sagen wir, die Wissenschaft,
Philosophie, Epistemologie, Therapie usw., bin ich bemüht, meinen
Sprachgebrauch so im Griff zu haben, daß Ethik impliziert ist."
Was will ich damit sagen? Ich möchte Sprache und Handeln auf einem
unterirdischen Fluß der Ethik schwimmen lassen und darauf achten,
daß keines der beiden untergeht, so daß Ethik nicht explizit zu Wort
kommt und Sprache nicht zur Moralpredigt degeneriert.
Wie wäre das zu bewerkstelligen? Wie könnte man Ethik vor aller Augen
verbergen, aber dennoch darauf achten, daß Sprache und Handeln durch
sie bestimmt sind?
Glücklicherweise hat die Ethik zwei Schwestern, die ihr gestatten,
unsichtbar zu bleiben, da sie für uns einen sichtbaren Rahmen, ein
greifbares Gewebe liefern, auf denen wir die Gobelins unseres Lebens
weben können.
Und wer sind diese beiden Schwestern?
Die eine ist Metaphysik, die andere Dialogik.
Ich möchte nun über diese beiden Damen sprechen und wie sie dazu beitragen,
daß sich Ethik manifestiert, ohne explizit zu werden.
Metaphysik
Lassen Sie mich zuerst über Metaphysik sprechen. Lassen Sie mich aus
einem ausgezeichneten Artikel über "Das Wesen der Metaphysik"
des britischen Gelehrten W.H. Walsh zitieren, um Ihnen zugleich die
köstliche Ambiguität vorzuführen, von der sie umgeben ist. Er beginnt
seinen Artikel mit dem folgenden Satz:
Fast alles in der Metaphysik ist kontrovers, und deshalb nimmt es
nicht Wunder, daß es unter denen, die sich Metaphysiker nennen, nur
wenig Übereinstimmung darüber gibt, was sie eigentlich genau erreichen
wollen."
Wenn ich mich heute an Metaphysik wende, suche ich bezüglich ihrer
Natur keine Übereinstimmung mit irgendwelchen andern, denn ich werde
genau sagen, was es ist, wenn wir zu Metaphysikern werden. Ich sage,
wir werden zu Metaphysikern, ob wir uns so nennen oder nicht, wenn
wir Fragen entscheiden, die prinzipiell unentscheidbar sind. In der
Tat gibt es unter Propositionen, Problemen, Vorschlägen, Fragen, solche
die entscheidbar, und solche die prinzipiell unentscheidbar sind.
Hier ein Beispiel für eine entscheidbare Frage: "Ist die Zahl
3.396.714 durch zwei teilbar?" Man wird weniger als zwei Sekunden
benötigen, um zu entscheiden, daß sich diese Zahl tatsächlich durch
zwei teilen läßt. Interessant ist in diesem Fall, daß man ebenso wenig
Zeit benötigt, um diese Frage zu entscheiden, wenn die Zahl nicht
7 sondern 7000 oder 7 Millionen Stellen hat.
Natürlich könnte ich Fragen stellen, die etwas schwieriger sind, wie
z.B.: "Ist 3.396.714 teilbar durch drei?", oder noch schwierigere.
Es gibt aber auch Probleme, die außergewöhnlich schwer zu lösen sind.
Einige von ihnen wurden schon vor mehr als 200 Jahren gestellt und
wurden immer noch nicht beantwortet. Denken wir nur an Fermats "Letztes
Theorem", an dem sich schon die brillantesten Denker den Kopf
zerbrochen haben und immer noch keine Lösung fanden.
Oder denken wir an Goldbachs "Vermutung", die sich derartig
einfach anhört, daß man glaubt, ein Beweis liege fast auf der Hand:
"Jede gerade Zahl ist die Summe zweier Primzahlen."
Zum Beispiel: 12 ist die Summe der zwei Primzahlen 5 und 7; oder 20
= 17+3; oder 24 = 13+11 usw. Bisher konnte zu Goldbachs Vermutung
kein Gegenbeispiel erbracht werden. Und selbst wenn alle weiteren
Versuche Goldbach nicht widerlegen würden, würde es dennoch eine Vermutung
bleiben, bis eine Folge mathematischer Schritte gefunden wird, die
sich für Goldbachs ausgezeichneten Sinn für Zahlen entschieden hat.
Es gibt gute Gründe nicht aufzugeben, und die Suche nach einer schrittweisen
Folgerichtigkeit fortzusetzen, die Goldbach bestätigen würde. Das
ist, weil das Problem im Rahmen logisch-mathematischer Relationen
gestellt ist, die garantieren, daß man sich von jedem Knoten dieses
komplexen Kristalls von Verbindungen zu irgendeinem anderen Knoten
bewegen kann.
Eines der bemerkenswertesten Beispiele eines derartigen Gedankenkristalls
sind die Principa Mathematica von Bertrand Russell und Alfred
North Whitehead, die sie in einem Zeitabschnitt von zehn Jahren zwischen
1900 und 1910 geschrieben haben. Dieses magnum opus von drei
Bänden und über 1500 Seiten hat ein für allemal eine Begriffsmaschinerie
für fehlerfreie Deduktionen geschaffen. Eine Begriffsmaschinerie,
die weder Zweideutigkeken noch Widersprüche oder Unentscheidbarkeiten
enthält.
Dennoch hat Kurt Gödel 1931 als 25jahriger einen Artikel publiziert,
dessen Bedeutung weit über die Kreise der Logiker und Mathematiker
hinausging. Der Titel dieses Aufsatzes lautet:
"Über formal unentscheidbare Sätze der Principia Mathematica
und verwandter Systeme" (in: Monatshefte für Mathematik und Physik,
Vol. 38, S. 173-198).
Gödel beweist in seiner Schrift, daß logische Systeme, selbst wenn
sie noch so vorsichtig wie bei Russell und Whitehead konstruiert sind,
gegen Unentscheidbarkeiten
nicht immun sind.
Wir müssen uns jedoch nicht auf Russell, Whitehead, Gödel oder andere
Geistesgrößen berufen, um uns über prinzipiell unentscheidbare Fragen
zu informieren. All diese Fragen tauchen tagtäglich auf.
Zum Beispiel ist die Frage über den Ursprung des Universums solch
eine im Prinzip unentscheidbare Frage: keiner war dabei, um es zu
beobachten. Überdies wird das durch die vielen verschiedenen Antworten
auf diese Frage ganz offensichtlich. Einige sagen, es handle sich
um einen einmaligen Schöpfungsakt vor vier- oder fünftausend Jahren;
andere sagen, es hätte niemals einen Anfang gegeben und daß es auch
kein Ende geben würde, da das Universum ein System sei, das sich in
einem permanenten dynamischen Gleichgewicht befindet; andere wiederum
behaupten, daß das Universum vor ungefähr zehn oder zwanzig Milliarden
Jahren mit einem "Urknall" entstanden wäre, dessen schwaches
Echo man noch über große Radioantennen hören könnte; ich dagegen neige
dazu, mich auf den Bericht von Chuang Tsu zu stützen, da er der älteste
ist und deshalb diesem Ereignis am nächsten stand. Er sagt:
"Der Himmel tut nichts; dieses Nichts-tun ist Würde;
Die Erde tut nichts; dieses Nichts-tun ist Ruhe;
Aus der Vereinigung dieser beiden Nichts-tun beginnt alles Handeln
Und alle Dinge entstehen."
Ich könnte mit weiteren Beispielen fortfahren, zumal ich noch nicht
erzählt habe, was die Burmesen, die Australier, die Eskimos, die Buschmänner,
die Ibos usw. uns über ihre Ursprünge sagen würden. In anderen Worten,
sag mir, wie das Universum entstand, und ich sage dir, wer du bist.
Ich hoffe, ich habe den Unterschied zwischen entscheidbaren und prinzipiell
unentscheidbaren Fragen hinreichend geklärt, damit ich Ihnen einen
Satz vorstellen kann, den ich das "metaphysische Postulat"
nenne. Hier ist er:
"Nur die Fragen, die im Prinzip unentscheidbar
sind, können wir entscheiden."
Warum?
Einfach weil die entscheidbaren Fragen schon entschieden werden durch
die Wahl des Rahmens, in dem sie gestellt werden, und durch die Wahl
von Regeln, wie das, was wir "die Frage" nennen, mit dem,
was wir als "Antwort" zulassen, verbunden wird. In einigen
Fällen geschieht dies schnell, in anderen mag das eine lange, lange
Zeit beanspruchen. Aber letztendlich erzielen wir nach einer Serie
zwingender logischer Schritte unwiderlegbare Antworten: ein definitives
Ja oder ein definitives Nein.
Aber wir stehen nicht unter Zwang, nicht einmal dem der Logik, wenn
wir über prinzipiell unentscheidbare Fragen entscheiden. Es besteht
keine äußere Notwendigkeit, die uns zwingt, derartige Fragen irgendwie
zu beantworten. Wir sind frei! Der Gegensatz zu Notwendigkeit ist
nicht Zufall sondern Freiheit. Wir haben die Wahl, wer wir werden
möchten, wenn wir über prinzipiell unentscheidbare Fragen entschieden
haben.
Dies sind die guten Nachrichten, wie amerikanische Journalisten sagen
würden. Nun kommen die schlechten Nachrichten.
Mit dieser Freiheit der Wahl haben wir die Verantwortung für jede
unserer Entscheidungen übernommen. Für einige ist diese Freiheit der
Wahl ein Geschenk des Himmels. Für andere ist eine derartige Verantwortung
eine untragbare Last: Wie kann man ihr entgehen? Wie kann man sie
vermeiden? Wie kann man Sie anderen übertragen?
Mit viel Genialität und Einfallsreichtum wurden Mechanismen ersonnen,
mit denen man diese furchtbare Last vermeiden könnte. Der hierarchische
Aufbau vieler Institutionen hat eine Lokalisierung der Verantwortung
unmöglich gemacht. Jedermann in einem solchen System kann sagen: "Mir
wurde gesagt, X zu tun."
Auf der politischen Bühne vernehmen wir immer öfter den Satz von Pontius
Pilatus: "Ich habe keine andere Wahl als X." Mit anderen
Worten, "mach mich nicht für X verantwortlich, die anderen sind
schuld". Dieser Satz tritt offensichtlich anstelle eines anderen:
"Von all dem, was mir zur Wahl stand, habe ich mich für X entschieden."
Ich habe schon einmal die Objektivität erwähnt, und ich möchte sie
hier nochmals als einen weiteren allgemein beliebten Kunstgriff erwähnen,
um der Verantwortung zu entgehen.
Wie Sie sich erinnern können, erfordert die Objektivität, daß die
Eigenschaften des Beobachters nicht in die Beschreibung seiner Beobachtungen
eingehen. Indem das wesentliche des Beobachtens, nämlich der Prozeß
der Wahrnehmung, eliminiert wird, wird der Beobachter zu einer Kopiermaschine
degradiert, und der Begriff der Verantwortung wurde dadurch erfolgreich
eskamotiert.
Wie auch immer, Pontius Pilatus, Hierarchien, Objektivität und andere
Kunstgriffe sind insgesamt auf eine Entscheidung zurückzuführen, die
für eine der beiden im Prinzip unentscheidbaren Fragen getroffen wurde.
Die maßgeblichen beiden Fragen heißen:
"Bin ich vom Universum getrennt? Das heist, wenn immer ich schaue,
so schaue ich wie durch ein Schlüsselloch auf das sich entfaltende
Weltall."
Oder:
"Bin ich Teil des Universums? Das heißt, wenn immer ich handle,
verändere ich mich und das Universum mit mir."
Wenn ich über diese beiden Alternativen nachdenke, bin ich immer wieder
über die Tiefe des Abgrunds überrascht, der die beiden grundsätzlich
verschiedenen Welten voneinander trennt, die durch solch eine Wahl
geschaffen werden können:
Entweder betrachte ich mich als den Bürger eines abhängigen Universums,
dessen Regelmäßigkeiten, Gesetze und Gewohnheiten ich im Lauf der
Zeit entdecke, oder ich betrachte mich als Teilnehmer einer Verschwörung,
deren Gewohnheiten, Gesetze und Regelmäßigkeiten wir nun erfinden.
Immer wenn ich mit denjenigen spreche, die sich dafür entschieden
haben, entweder Entdecker oder Erfinder zu sein, bin ich immer von
neuem von der Tatsache beeindruckt, daß keiner von ihnen erkennt,
jemals eine derartige Entscheidung getroffen zu haben. Wenn sie überdies
herausgefordert werden, ihre Position zu rechtfertigen, bedienen sie
sich eines Begriffssystems, das nachweislich auf einer Entscheidung
über eine prinzipiell unentscheidbare Frage basiert.
Scheinbar erzähle ich Ihnen eine Detektiv-Geschichte, wobei ich verschweige,
wer der Gute und wer der Böse, oder wer der Normale und wer der Verrückte
ist, oder wer recht und wer unrecht hat. Da es sich hierbei um prinzipiell
unentscheidbare Fragen handelt, hängt von jedem einzelnen ab, eine
Entscheidung zu treffen und dafür die Verantwortung zu übernehmen.
Dort ist ein Mörder. Ich gebe zu bedenken, daß man nicht wissen kann,
ob er geisteskrank war oder ist. Das einzige, was wir wissen, ist,
was ich, was Sie oder was der Experte darüber äußert. Und was ich,
was Sie und was der Experte über seine Normalität oder Geisteskrankheit
sagen, unterliegt meiner Verantwortung, oder Ihrer oder der des Experten.
Ich betone nochmals, es geht hierbei nicht um die Frage "Wer
hat recht und wer unrecht". Dies ist prinzipiell eine unentscheidbare
Frage. Es geht hier um die Freiheit; die Freiheit der Wahl; ein Kernpunkt
bei Jose Ortega y Gasset:
"Kurz: der Mensch hat nicht Natur, sondern er hat ... Geschichte.
(...) Der Mensch ist kein Ding, sondern ein Drama. ( ... ) Aber der
Mensch muß nicht nur sich selbst schaffen, sondern das Schwierigste,
was er tun muß, ist entscheiden, was er will. ( ... ) Ob Original
oder Plagiator, der Mensch ist der Romandichter seiner selbst. Unter
diesen Möglichkeiten (hat er) die Wahl. Infolgedessen (ist er frei).
Aber wohlverstanden, (er ist) frei aus Zwang, ob (er) will oder nicht."
Wahrscheinlich macht es Sie mißtrauisch, wenn ich alle meine Fragen
als prinzipiell unentscheidbare qualifiziere. Dies ist keineswegs
der Fall. Ich wurde einmal gefragt, wie es den Bewohnern derartig
verschiedener Weiten, wie ich sie zuvor umrissen habe, wie also die
Bewohner der Welt, die sie entdecken, und die Bewohner einer Welt,
die sie erfinden, wie sie jemals miteinander zusammenleben können.
Die Antwort ist jedoch völlig unproblematisch. Aus den Entdeckern
werden höchstwahrscheinlich Astronomen, Physiker und Ingenieure; aus
den Erfindern Familientherapeuten, Poeten und Biologen. Und für alle
wird
das Zusammenleben ebenfalls unproblematisch sein, solange die Entdecker
die Erfinder entdecken, und die Erfinder die Entdecker erfinden. Sollten
jemals Schwierigkeiten entstehen, gibt es glücklicherweise viele Familien-Therapeuten,
die der menschlichen Familie zu geistiger Gesundheit verhelfen.
Ich habe einen lieben Freund, der In Marakesch aufgewachsen ist. Das
Haus seiner Familie stand auf der Straße, die das jüdische vom arabischen
Viertel trennte. Als Jugendlicher spielte er mit all den anderen Kindern,
hörte sich an, was sie dachten und sagten, und lernte ihre grundsätzlich
verschiedenen Ansichten kennen. Als ich
ihn einmal fragte, wer denn recht hätte, antwortete er mir, beide
hätten recht.
"Aber das kann doch nicht sein", beharrte ich auf meinem
aristotelischen Standpunkt, "nur einer kann im Besitz der Wahrheit
sein!"
"Das Problem ist nicht Wahrheit", antwortete er, "das
Problem ist Vertrauen".
Ich hatte verstanden: das Problem ist das einander Verstehen; das
Problem liegt im Verstehen des Verstehens; das Problem besteht darin,
Entscheidungen über prinzipiell unentscheidbare Fragen zu treffen.
In diesem Augenblick erschien Metaphysik und fragte ihre jüngere Schwester,
Ethik: "Was sollte ich, nach deiner Ansicht, meinen Schützlingen,
den Metaphysikern, ob sie sich nun so nennen oder nicht, zurückbringen?"
Und Ethik antwortete: "Sag ihnen, sie sollten immer so handeln,
die Anzahl der Möglichkeiten zu vermehren; ja, die Anzahl der
Möglichkeiten zu vermehren!"
Dialogik
Ich möchte mich nun der Schwester der Ethik, der Dialogik zuwenden.
Welche Mittel stehen ihr zur Verfügung, durch die sich Ethik offenbaren
kann, ohne explizit zu werden. Ich glaube, Sie haben es schon erraten,
es ist
natürlich die Sprache. Ich spreche hier nicht über Sprache im Sinne
von Geräuschen, die durch die Schwingungen der Stimmbänder entstehen,
auch nicht über Sprache im Hinblick auf die Grammatik, Syntax, Semantik,
Semiotik und die gesamte Maschinerie von Phrasen, Verb-Phrasen, Substantiv-Phrasen,
Tiefenstruktur usw. Wenn ich hier über Sprache rede, meine ich den
Austausch, die Kommunikation, den Tanz. Ebenso wie man sagt, "zum
Tango gehören zwei", sage ich, "zur Sprache gehören zwei".
Wenn man sich dem Thema Sprache, Tanz zuwendet, sind natürlich Sie,
die Familien-Therapeuten, die Kompetenteren. Ich dagegen kann nur
als Amateur sprechen. Da sich Amateur von "amour" herleitet,
wissen Sie sofort, daß ich es liebe, diesen Tanz zu tanzen.
Tatsächlich habe ich diese wenigen Schritte, den Tanz zu tanzen, von
Ihnen gelernt. Ich erhielt meine erste Unterrichtstunde, als man mich
einlud, mit ein paar Kollegen in einem Beobachtungsraum zu sitzen
und durch einen halb-durchsichtigen Spiegel dem Beginn einer therapeutischen
Sitzung mit einer vierköpfigen Familie zuzusehen.
Einmal veröießen mich meine Kollegen, und ich war ganz allein. Ich
war neugierig, was ich sehen würde, wenn ich nicht hören könnte und
schaltete den Ton ab.
Ich empfehle Ihnen, sich ebenfalls diesem Experiment zu unterziehen.
Wahrscheinlich werden Sie ebenso fasziert sein wie ich. Was ich dann
sah, die stille Pantomime, das Öffnen und Schließen der Lippen, die
Körperbewegungen, den Jungen, der nur einmal seine Fingernagelknabberei
unterbrach ..., was ich dann sah, waren die Schritte der Sprache,
nur die Tanzschritte, ohne den störenden Effekt der Musik. Später
hörte ich von den Therapeuten, daß diese Sitzung tatsächlich sehr
erfolgreich war.
Welch eine Magie, dachte ich mir, befindet sich in den Geräuschen,
die von den Leuten produziert werden, indem die Stimmbänder durch
Luft in Schwingung versetzt und die Lippen geöffnet und geschlossen
werden.
Therapie! In der Tat, welch eine Magie!
Und sich vorzustellen, daß die einzige, Ihnen zur Verfügung stehende
Medizin die Tanzschritte der Sprache und die sie begleitende Musik
ist!
Sprache! In der Tat, welch eine Magie!
Mag sich der Naive einbilden, Magie erklären zu können. Magie kann
nicht erklärt werden, Magie kann nur
praktiziert werden, wie Ihnen bekannt ist.
Über die Magie der Sprache nachzudenken, ähnelt dem Nachdenken über
eine Theorie des Gehirns. Ebenso
wie man ein Gehirn benötigt, um über eine Theorie des Gehirns nachzudenken,
benötigt man die Magie der Sprache, um über die Magie der Sprache
nachzudenken. Es ist die Magie dieser Ideen, die ihrer selbst bedürfen,
um in Erscheinung zu treten. Sie sind von zweiter Ordnung.
Ebenso verhält es sich mit der Sprache, die sich gegen Erklärungen
schützt, indem sie immer über sich selbst spricht: Es gibt ein Wort
für Sprache, nämlich "Sprache"; es gibt ein Wort für Wort,
nämlich "Wort". Wenn man nicht weiß, was "Wort"
bedeutet, schaut man ins Wörterbuch. Ich habe das getan. Seine Bedeutung
war: "Äußerung". Ich fragte mich, was ist eine "Äußerung"?
Ich schaute ins Wörterbuch. Die Bedeutung im Wörterbuch war: "Ausdrücken
durch Wörter".
Demzufolge befinden wir uns wieder dort, wo wir begonnen haben. Zirkularität:
A impliziert A.
Dies ist jedoch nicht die einzige Möglichkeit, wie sich Sprache gegen
Erklärungen schützt. Um ihren Erforscher zu verwirren, bewegt sie
sich auf zwei verschiedenen Gleisen. Verfolgt man Sprache auf einem
Strang, springt sie zum anderen über. Verfolgt man sie dort, springt
sie zurück auf den ersten.
Worum handelt es sich bei diesen Schienensträngen?
Der eine Strang ist der Strang der Erscheinung. Er zieht sich durch
die Landschaft, die sich vor uns ausbreitet: eine Landschaft, die
wir wie durch ein Schlüsselloch betrachten.
Der andere Strang ist der Strang der Funktion. Er zieht sich durch
die Landschaft, die ebenso ein Teil unserer selbst ist, wie wir ein
Teil derselben sind; die Landschaft fungiert wie eine Erweiterung
unseres Körpers.
Wenn sich Sprache auf dem Strang der Erscheinung bewegt, ist sie Monolog.
Es gibt die Geräusche, die durch die Schwingung der Stimmbänder erzeugt
werden , es gibt die Wörter, die Grammatik, die Syntax, die wohlgeformten
Sätze.
Im Zusammenhang mit diesen Geräuschen erfolgen die denotativen Hirrweise.
Weise auf einen Tisch, mache das Geräusch "Tisch"; weise
auf einen Stuhl, mache das Geräusch "Stuhl".
Manchmal funktioniert das nicht. Margaret Mead erlernte schnell die
Umgangssprache vieler Stämme, indem sie auf Objekte zeigte, und auf
das entsprechende Geräusch wartete. Sie erzählte mir, daß sie einmal
einen Stamm besuchte, auf verschiedene Objekte zeigte und immer das
gleiche Geräusch, "chu mulu", zu hören bekam. Eine primitive
Sprache, dachte sie, sie hat nur ein Wort zur Verfügung! Später erfuhr
sie, daß "chu mulu" "mit dem Finger zeigen" bedeutet.
Wenn Sprache auf den Strang der Funktion überwechselt, ist sie Dialogik.
Natürlich gibt es noch immer Geräusche; einige hören sich an wie "Tisch",
andere wie "Stuhl", aber es bedarf keines Tisches oder Stuhls,
da keiner auf Stuhl oder Tisch weist. Diese Geräusche sind Einladungen
an den anderen, um gemeinsam einige Tanzschritte zu wagen. Die Geräusche
"Tisch" und "Stuhl" lassen jene Saiten in den
Gedanken des anderen mitschwingen, die Geräusche wie "Tisch"
und "Stuhl" hervorbrächten, wenn sie in Schwingung gebracht
würden. Sprache in ihrer Funktion ist konnotativ.
In ihrer Erscheinung ist die Sprache deskriptiv. Wenn du deine Geschichte
erzählst, erzählst du, wie es war. das großartige Schiff, der Ozean,
der weite Himmel, und der Flirt, den du hattest. Eine Reise, ein köstliches
Vergnügen.
Aber wem erzählst du das. Diese Frage ist falsch. Die richtige Frage
ist: Mit wem tanzt du deine Geschichte, so daß dein Partner mit dir
über das Schiffsdeck gleitet, die salzige Luft des Ozeans riecht,
seine Seele sich mit den Weiten des Himmels ausdehnt und, wenn du
zur Geschichte deines Flirts kommst, ein Anflug von Eifersucht bemerkbar
wird.
In ihrer Funktion ist Sprache konstruktiv, da keiner die Quelle deiner
Geschichte kennt. Keiner weiß und wird je wissen, wie es war: denn
was war, ist für immer verloren.
Sie erinnern sich an Rene Descartes, der, als er in seinem Studierzimmer
saß, nicht nur bezweifelte, dort zu sitzen, sondern seine ganze Existenz
in Zweifel zog. Er fragte sich: "Bin ich, oder bin ich nicht?";
"Bin ich, oder bin ich nicht?" Er beantwortete seine rhetorische
Frage mit dem solipsistischen Monolog: "Je pense, donc je suis",
oder, in der berühmten lateinischen Version: "Cogito ergo sum".
Descartes war wohl bewußt, daß dies Sprache in ihrer Erscheinung ist,
sonst hätte er seine Einsicht nicht so schnell zum Nutzen der anderen
in seinem Discours de la methode publiziert. Da er ebenso gut
die Funktion der Sprache verstand, hätte er ausrufen müssen: "Je
pense, donc nous sommes", "Cogito ergo sumus"; oder
"ich denke, also sind wir!"
In ihrer Erscheinung ist die Sprache, die ich spreche, meine
Sprache. Durch sie werde ich meiner bewußt: dies ist die Wurzel des
Bewußtseins.
In ihrer Funktion greift die Sprache nach dem anderen: dies ist die
Wurzel des Gewissens. Und hier manifestiert sich die Ethik auf unsichtbare
Weise durch den Dialog. Gestatten Sie mir, ihnen die letzten Zeilen
aus Martin Bubers Buch Das Problem des Menschen vorzulesen:
Betrachte den Menschen mit dem Menschen und du siehst jeweils die
dynamische Zweiheit, die das Menschenwesen ist, zusammen: hier das
Gebende und hier das Empfangende, hier die angreifende und hier die
abwehrende Kraft, hier die Beschaffenheit des Nachforschens und hier
die des Erwiderns, und immer beides in einem, einander ergänzend im
wechselseitigen Einsatz, miteinander den Menschen darzeigend. Jetzt
kannst du dich zum Einzelnen wenden und du erkennst ihn als den Menschen
nach seiner Beziehungsmöglichkeit; du kannst dich zur Gesamtheit wenden
und du erkennst sie als den Menschen nach seiner Beziehungsfülle.
Wir mögen der Antwort auf die Frage, was der Mensch sei, näher kommen,
wenn wir ihn als das Wesen verstehen lernen, in dessen Dialogik, in
dessen gegenseitig präsentem Zuzweien-Sein sich die Begegnung des
Einen mit dem Anderen jeweils verwirklicht und erkennt!"
Da ich Bubers Worten nichts hinzufügen kann, ist das alles, was ich
über Ethik und über Kybernetik zweiter Ordnung sagen kann.
Heinz
von Foerster, Ethics and Second-order Cybernetics
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